Manchmal während der Analyse und Bearbeitung einer Schachstudien-Idee
werden neue und unerwartete Kombinationen entdeckt, die eine Inspiration für
neue Schachstudie sein können. Dies war bei mir während der Bearbeitung einer Idee
des Pattvermeidungsthemas der Fall. Eine Nebenvariante, die einen Kampf um die Bauernumwandlung
darstellte, sprang mir so ins Auge, dass ich diese Idee in eine neue Studie umwandelte.
Und ging es um ein Paradox, dass die Schachfiguren manchmal weniger wert sind
als die Bauern, in denen eine potenzielle Kraft einer Dame steckt.
In meiner Studie werden zwei Leichtfiguren der Reihe
nach geopfert, um einem Bauern die Promotion zu ermöglichen. Die Opfer erfolgen
auf demselben Feld und wiederholen eine Kombination mit gleichem Motiv. Der
schwarze Turm wird zweimal unter die Attacke des weißen Königs herangezogen. Dadurch
gewinnt Weiß zweimal wichtiges Tempo, um seinem Bauern den Weg zur Dame frei zu
machen.
Die Ausgangsstellung der
Studie zeigt die materielle Überlegenheit von Weiß, hat jedoch einige
positionelle Nachteile für Weiß: eine nicht allzu günstige Lage der weißen
Figuren und Bauern (Springer in Gefahr,
isolierte und doppelte Bauern, abgeschnittener König) und die Notwendigkeit des
Tempoverlustes, weil Weiß den starken schwarzen Bauern beseitigen muss.
1. d7!
Der Versuch, den a-Bauern
sofort zu schlagen, führt nicht zum Ziel: 1.L:a2? T:f2 2.d7 Td2
3.Le6 T:d7! 4.L:d7 Kg8 und Remis wegen eines „schlechten Läufers“.
Deswegen ist die erste Aufgabe für Weiß den schwarzen König von der „guten
Ecke“ h8 abzulenken.
1… Ke7
Natürlich nicht 1…a1D? und 2.d8D matt. 1…T:h2+
führt mit einer Zugumstellung zur Hauptvariante (das wiederholt sich mehrmals
im Verlauf der Studie): 2.Kg6! (nicht 2.Kg5? Ke7 3.L:a2 T:f2 4.Le6 Tf8=) Tg2+
3.Sg4+ T:g4+ 4.Kh5 Ke7 5.L:a2 Td4 (oder 5…Tg1 6.Le6 Th1+ 7.Kg5! mit Gewinn) 6.
h7 Td1 7.Le6 Th1+ 8.Kg6 Tg1+ 9.Lg4! etc. siehe Hauptvariante.
Jetzt ist Weiß schon
gezwungen, den a-Bauern zu nehmen.
2. L:a2 T:h2+
Nach 2…T:f2 3.h4 hat Schwarz
keine Möglichkeit das Umwandlungsfeld h8 zu kontrollieren und verliert schnell,
z.B.: 3…T:a2 4.d8D+ K:d8 5.h7 +- oder 3…K:d7 4. h7 Tf8 5. Lg8+-; wenn 2…K:d7
dann 3. h4 T:f2 4.h7+- oder 3.Sg4 T:a2 4. h7 5.Ta8 Sf6+ 6.Ke6 Sg8 mit Gewinn.
3. Kg6!
Weiß muss präzise spielen. Durch
einen scheinbar logischen Zug 3. Kg5?, um den Springer nach dem Turmschach (3…Tg2+
4.Sg4) nicht zu verlieren, erreicht Weiß nicht mehr als Unentschieden,
z.B.: 3…T:f2 4.Le6 (4.h7 Th2 5.Kg6
T:h7=) 4…Tf8! 5.Lg4 (5.h7 K:e6=) 5…Tg8+ (oder 5…Th8 6.Kg6 Tg8+ 7. Kh5 Th8=)
6. Kh5 Th8 7. Lf5 (7.Lh3 Kf6 8. Lg4 Le7=) 7…Tf8 8.Kg6 Tg8+ 9.Kh5 (9.Kh7
Tg1=) 9…Tf8=
3. … Tg2+
Jetzt bringt 3…T:f2 dem
Schwarz keinen Erfolg mehr, da der weiße König sich näher am Feld h8 befindet, und
nach 4.Le6 Tf8 (4…Tf6+ 5.Kg7! T:e6 6.h7 Te1 7. d8D+ K:d8 8. h8D +-) 5.Kg7!
(5.Lh3? Tg8+ 6.Kh7 Tg1=) 5…Tf1 6.h7 Tg1+ 7.Kh6 Th1+ 8.Kg6 Tg1+ 9.Lg4! entsteht
die Stellung der Hauptvariante.
4. Sg4 !!
Das effektvolle
Springeropfer lenkt den schwarzen Turm auf das Feld g4 hin und erlaubt dem
weißen König den Turm anzugreifen. Dadurch gewinnt Weiß ein Tempo, um dem
h-Bauern einen Vormarsch zu ermöglichen. Ein Fehler wäre 4. Kh7? T:f2 5.Le6
Tg2!= oder 4. Kh5? K:d7 5.Sg4 T:a2 6.h7 Ta8 7.Sf6+ Ke6 8.Sg8 Ta1 9.Sh6 Ta8=.
4. … T:g4+
Nach 4...K:d7 gewinnt
5.Kf7 T:a2 6.h7 Ta8 7.Sf6+ Kc6 8.Sg8 Ta7+ 9.Se7+
5. Kh5 !
Die Rückkehr des weißen
Königs zur Ausgangsstellung! Nach 5.Kh7? Tg1 kann der weiße König nicht mehr
ins Spiel zurückkehren ohne den d-Bauern zu verlieren und es folgt Remis. Nach
5.Kf5? opfert Schwarz den Turm für zwei Bauern:
5...Th4 6.Kg5 T:h6! 7.K:h6 K:d7=. Die Hinlenkung des schwarzen Turmes hat sich
gelohnt. Schwarz muss Zeit verlieren, um den Turm wegzuziehen, und der h-Bauer kann
vorrücken.
Andere Fortsetzungen verlieren auch. Nach 5...Tg2
6.Le6! erscheint die Kombination der Studie wieder,
sowohl nach 6…Td2 7.h7 Th2+ 8.Kg6 Tg2+ 9.Lg4!
als auch nach 6...Th2+ 7.Kg5 Tg2+ 8.Lg4 Th2 9.Kg6 Tg2 10.h7! Zur gleichen Ergebnis führt andere Zugfolge: 5...Tf4 6.h7 Tf8 7.Lg8 Tf2 8.Le6! Th2+
9.Kg6 Tg2+ 10.Lg4! etc.
Mit dem Zug
5...Td4 stellt Schwarz eine Falle hin.
Spielt jetzt Weiß 6.Le6? mit der Idee nach
6...K:e6? 7.h7 Td1 8.Kg4 zu gewinnen, würde der Gewinn nach 6...Kf6! aus der Hand gegeben.
Um das Feld h8 indirekt zu kontrollieren. 6...Td2 führt zu ähnlichen Varianten.
Das andere Figurenopfer, um den schwarzen König vom Feld d8 abzulenken.
Nach der Annahme des Opfers 7...K:e6
entsteht eine interessante Variante: 8.Kg4! (der
König muss aus der h-Linie weggehen und sich gleichzeitig dem schwarzen Turm
nähern, aber nicht über die f-Linie) 8...Tg1+
9.Kh3! Th1+ (oder
9...Kxd7 10.Kh2!+-) 10.Kg2 Txh7 11.d8D+-.
Weiß opfert die nächste Figur, diesmal den Läufer, auf demselben Feld g4 (Echo-Opfer), mit gleichem Motiv: den
schwarzen Turm in die Nähe des weißen König hinzulenken um dem die Attacke auf Turm zu ermöglichen.
Dadurch verliert Schwarz wieder ein Tempo, weil der Turm weggehen muss und Weiß
kann den Bauern-Vormarsch verwirklichen. Und das alles natürlich mit der
richtigen Präzision, mit unerlässlichen Zwischenschachgeboten im Finale. Der
Versuch ins Versteck zu gehen 9.Kh6? Th1+ 10.Kg7 Tg1+ 11.Kh8?
Tg3 führt nur zum Remis.
Wiederholte Rückkehr des weißen Königs zum Ausgangsfeld!
11...Tg1 11.d8D+
Kxd8 12.h8D+
und Weiß gewinnt.
Die Studie gewann den Preis im
100–Jahre– Jubiläumsturnier der schwedischen Schachzeitschrift „Tidskrift för Schack“
1994 und fand ein Ehrenplatz im FIDE-Album
1992-94.